Die Frage nach der Heimat
Zum Literaturfrühstück im «Tamina» in Bad Ragaz haben die Kulturelle Vereinigung und die Gemeindebibliothek Bad Ragaz-Taminatal eingeladen. Zu Gast war die Buchpreisträgerin Melinda Nadj Abonji, der das Publikum noch lange über den Anlass hinaus hätte zuhören mögen.
von Susan Rupp
Renato Bergamin, Präsident der Kulturellen Vereingung erzählt zur Begrüssung, dass es fast nicht geklappt habe mit dem Besuch von Melinda Nadj Abonji, da sie im Jahr 2019 keine Lesungen mehr einplanen wollte. Mithilfe von Rilke und der Inspiration, die dieser damals in Bad Ragaz fürs Schreiben gefunden habe, sei es ihm dann doch gelungen, sie zu überzeugen. Und das war auch gut so – die Lesung der in Zürich wohnhaften Autorin hat die Anwesenden der restlos ausgebuchten Veranstaltung gefesselt und vieles vom Gehörten hallte noch lange nach.
Texte, die unter die Haut gehen
Passend zum gemeinsamen Frühstücken liest Nadj Abonji am Sonntagvormittag zu Beginn einen Ausschnitt aus «Tauben fliegen auf», in dem es ums Essen geht – von grüner Erbsensuppe mit Taubenfleisch, Fischsuppe mit Karpfenköpfen oder knusprig gebratenen Hühner wie auch Kalbfleisch mit Sauerrahm und Knödeln ist die Rede. Und dem Publikum eröffnen sich ganz neue Welten. Die Worte und Sätze erhalten durch die Stimme Nadj Abonjis einen speziellen Klang, es entfaltet sich eine ganz eigene Magie und der Text beginnt zu leben. Auch aus dem aktuellen Roman «Schildkrötensoldat» liest die Autorin. Er handelt vom Balkankrieg, auch hier geht das Gehörte unter die Haut.
Abschliessend bekommt das Publikum eine Kostprobe aus einem Essay: «Zuhause in der Fremde – Versuche zu Integration» zu hören. Die Autorin schreibt davon, was das Zuhause in der Fremde für sie als damals kleiner Mensch bedeutet habe und von ersten Erinnerungen ans sich ausgeschlossen fühlen, weil man die Sprache nicht beherrscht. Mit dem Erlernen des Hochdeutschen habe sie sich dann eine eigene Welt geschaffen, eine dir nur ihr gehört habe. Sie bezeichnet das Hochdeutsch als grosses Glück, denn in dieser Sprache konnte sie neu anfangen. Eindrücklich zu hören, dass mit der Frage: «Woher kommst du?» der Fragende den Befragten an ein Land binde, an ein Land binden wolle.
Grenzen ausloten
Auch die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen, wird im Anschluss an die Lesung genutzt. Man kommt schnell auf eine sehr persönliche Ebene und das Gespräch dreht sich um die Frage nach Heimat, worauf Nadj Abonji sagt: «Wir alle sehnen uns nach einem Ort, der Kindheit heisst» oder sie hält fest, dass es Mut brauche zu leben. Sie versuche immer, eng gesteckte Grenzen aufzulösen. Sprache helfe dabei, Grenzen auszulosten, man könne die Grenzen der Sprache auch sprengen. «Ich möchte Sprache neu erfinden, Leben in die Sprache bringen und das verbindet mich mit den Kindern.» Auch die «kalte» Onlinekommunikation, mit der Kinder heute aufwachsen, wird thematisiert. Dieser Tendenz könne man wohl nur entgegenwirken, wenn jeder mit Kindern laut lese, viel erzähle, viel mit ihnen spreche. Alle seien selber gefordert, dass die Kinder die Welt der Bücher und die Sprachwelten kennenlernen können, so die Autorin. – «Wir könnten Ihnen noch sehr lange zuhören», so Bergamin zum Schluss. Er wies auch auf den Büchertisch von Sabine Loop hin, wo die Werke Nadj Abonjis erworben werden konnten, was rege genutzt wurde.
