Mittwoch, 31. Oktober 2018, 20.00 Uhr
In einer Nussschale über den Atlantik
Zwei der vier Ruderer des Swiss Mocean Team gaben kürzlich im Rahmen der Kulturellen Vereinigung Bad Ragaz einen eindrücklichen Einblick über ihre erfolgreiche Teilnahme an der Talisker Atlantic Challenge.
von Angela Adank
Eine physische und psychische Grenzerfahrung war es, die Teilnahme am wohl härtesten Ruderrennen der Welt: Laurenz Elsässer aus Walenstadt, Luca Baltensperger, Yves Schultheiss und Marlin Strub schafften es als erstes Schweizer Team, trotz grossen Hürden und viel Skepsis im Vorfeld, die «Talisker Whisky Atlantic Challenge» anfangs dieses Jahres erfolgreich zu beenden. Am 13.Dezember starteten sie auf der Kanareninsel «La Gomera» und erreichten in 30 Tagen, so schnell wie keine anderen Boote in den Jahren zuvor, die nahezu 5`000km entfernte Karibikinsel Antigua. Marco Della Santa, Vorstandsmitglied der Kulturellen Vereinigung, durfte vergangene Woche im Kursaal des Grand Resort Luca Baltensperger und Yves Schultheiss persönlich begrüssen: «Eine enorme Bewunderung habe ich für euch und eure Tat, die im Voraus auch von einer grossen Ungläubigkeit begleitet wurde.»
Zu jung und naiv, kein Geld, kein Boot und keine Erfahrung
Nicht nur Della Santa erging es so. Als die vier Athleten, die sich während eines Militärdienstes kennengelernt hatten, im April 2014 beschlossen den Verein «Swiss Mocean» zu gründen und gemeinsam den Atlantik zu überqueren, wurden sie zuerst mit viel Misstrauen aus dem Umfeld konfrontiert. Baltensperger dazu: «Die Bedenken waren natürlich berechtigt, wir besassen zu diesem Zeitpunkt über kein Boot und ausser Yves hatte niemand Rudererfahrung. Dies machte es für uns auch sehr schwierig die finanziellen Mittel für dieses Projekt aufzutreiben.» Vielleicht war es aber genau diese Naivität der jungen Männer die es brauchte, der Traum an etwas Grosses, der sie nicht aufgeben liess. Durch eine Crowdfunding-Plattform sammelten sie Geld und fanden schliesslich diverse Sponsoren, die an sie glaubten. Das Boot, nicht mehr als eine Nussschale mit zwei ein-Mann Zelt Kabinen, kauften sie einer Britin ab, die damit zweimal zuvor über den Atlantik ruderte und dabei den Weltrekord für die Damen hielt. «Wir ruderten einmal in England und danach trainierten wir auf dem Zürichsee, bevor es nach «La Gomera» ging», erzählte Schultheiss schmunzelnd.
Das Leben auf dem Atlantik ist kein Ponyhof
Für dieses jährlich stattfindende Abenteuer bekundete auch das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) Interesse und liess im Nachhinein eine vierteilige Dokumentation über die vier jungen Männer und ihr Projekt ausstrahlen. In ihrem live Bericht zeigten die beiden Filmausschnitte daraus, ergänzt mit beeindruckenden Bildern, passenden Textpassagen und Erklärungen. Ganz offen und verwundbar gaben die Muskelpakete zu: «Am Schlimmsten war die erste Woche auf See. Der harte Rhythmus von zwei Stunden Ruder- und zwei Stunden Erholungszeit brachte unseren Energiehaushalt zu Beginn rapide durcheinander; die Seekrankheit übermannte uns, es war ein einziger körperlicher und mentaler Stress. Das Wissen, dass das Rennen bis zu 60 Tage dauern könnte, war dabei auch nicht gerade aufstellend». Zu allem Überdruss kamen nach fünf Tagen technische Probleme hinzu. Das Team hatte mit einem gebrochenen Steuerruder zu kämpfen. Aber auch äusserliche Bedingungen, wolkige Tage welche die Wasserversorgung erschwerten, die Affenhitze, wie sie es nicht anders beschreiben konnten, Blasen an Händen und Hintern, oder Regen, Sturm und Nässe brachten sie ans Limit. Dazu kam die Astronautennahrung, welche schnell einmal verleidete.
Epische Momente und lehrreiche Erkenntnisse
Nebst viel Negativem gab es aber auch die guten Zeiten. Beide sprachen die riesige Atmosphäre an, die das Rudern mitten im Atlantik mit sich brachte, unvergessliche Abendstimmungen oder «Flow»-Momente, Wellen und Winde, die dem Boot auch einen Kick verliehen. Bevor sich Baltensperger und Schultheiss den vielen interessierten Fragen aus dem gut besuchten Publikum stellten, fassten sie ihre wichtigsten Erkenntnisse zusammen. Dass sie als Crew stets zusammenhielten, die gleichen Prioritäten verfolgten und auch bei Schwierigkeiten die Harmonie suchten, war essentiell für ihren Erfolg: Auf dem 3.Rang beendeten sie das Rennen und unterboten, bei optimalen Mitwindbedingungen, den vorherigen Weltrekord um fünf Tage. Nebst viel Trockennahrung blieb am Schluss sogar noch 30`000 Franken übrig, welche einem Kinderprojekt in Rumänien gestiftet werden konnte. Auf www.swissmocean.ch gibt es mehr Infos zur Happy End Geschichte.
Der nächste Vortrag der Kulturellen Vereinigung im Kursaal unter dem Titel «Afrika gibt es nicht» von Patrik Wülser, findet am Freitag, 16.November um 20 Uhr statt.
Fotos ( A.Adank)
