Afrika – eine andere Welt
Ein überaus bildungspolitischer Vortrag stand bei der Kulturellen Vereinigung in Bad Ragaz vergangene Woche auf dem Programm. Patrik Wülser, ehemaliger Afrikakorrespondent des Schweizer Radios, berichtete facettenreich über den schwarzen Kontinenten.
von Angela Adank
Für den Vorstand, der im Publikum sass, und durch Marco Della Santa als Begrüssungsredner auf der Bühne vertreten wurde, war es eine Ehre den charismatischen «SRF-Mann aus Afrika» erstmals in Bad Ragaz willkommen zu heissen. Während sechs Jahren nämlich, von 2011 bis 2017, lebte Patrik Wülser mit seiner Frau und seinem Sohn, Moritz, in Nairobi. Als SRF-Afrika-Korrespondent war er nicht nur vor Ort, sondern auch in weiteren 46 afrikanischen Ländern für eine aktuelle Radio-Berichterstattung verantwortlich. Unter dem Titel «Afrika gibt es nicht und was wir von diesem Kontinent lernen können» referierte der Redaktor im Quellenhof über die wirtschafts-und bildungspolitische Problematik Afrikas sowie auch über seine persönlichen Erfahrungen. Ein Vortrag, der zusammenfassend ein eher düsteres Bild ablieferte und zum Nachdenken anregte, und dennoch oder gerade trotzdem, ein grosses Sympathie-Bekenntnis von Wülser an Afrika war.
Afrika gibt es nicht
Afrika sei nicht einfach nur eine schwarze Masse, wo alles gleich sei, im Gegenteil, mit seinen vielen ethnischen Kulturen, den 1`000 Sprachen, den weit mehr als 800 Millionen Menschen die sich auf einer Fläche von über 30 Millionen Quadratkilometer verteilen, könne nicht alles in einen Topf geworfen werden, meinte Wülser einleitend. Wie unterschiedlich Afrika sein kann, vermittelte der Radio-Journalist anhand einer kurzen und persönlichen Bildershow. «Ich hatte keinen Schreibtischjob in Kenia, sondern war oft unterwegs und berichtete stets über das, was ich auch selber sah ». Und der Afrika-Mann sah vieles und erlebte einige Abenteuer. Einerseits waren da die grossen politischen Unruhen in Mogadischu, die kompromisslosen Wahlen in Burundi und die Rohstoffgier von Rebellen und Räubern, welche die schöne Hügellandschaft des Ostkongos zu einer der gefährlichsten Gegenden macht. Andererseits berichtete Wülser in dieser Zeit auch über die grosse Armut, die vielerorts vorherrscht, über die Ebola-Epidemie, welche Liberia in den Ausnahmezustand versetzte, die grossen Dürren im Hochland Äthiopiens, die riesigen Abfallprobleme mit denen der Kontinent zu kämpfen hat, über missliche Zustände in Flüchtlingslagern und einiges mehr.
Mehr Gelassenheit lernen
«Trotz diesen bitterlichen Umständen gab es immer wieder viel zu lachen während meines Aufenthaltes », betonte Wülser. Humor und eine grosse Hilfsbereitschaft prägten seinen Alltag, der alleine schlichtweg nicht bewältigbar gewesen wäre. Das Leben glich aber oftmals auch einer emotionalen Achterbahn, betonte Wülser. Dank dem hohen Wohlstand in der Schweiz seien wir unseren Privilegien kaum mehr bewusst, meinte Wülser sachlich und fügte an: «Hier scheint alles wie bei einer Modelleisenbahn, die frisch geölt ist, zu laufen und dennoch herrscht in der Bevölkerung eine grosse Unzufriedenheit über die Kleinigkeiten des Alltags». Mehr Gelassenheit und ein grösseres Verantwortungsbewusstsein für das Miteinander ist etwas, was die westliche Zivilisation auch von Afrika lernen kann.
300 Jahre Entwicklungszeit
Was Wülser während seines Referats beleuchtete, kam auch während den engagiert gestellten Fragen seitens des Publikums immer wieder zur Sprache: Die Problematik, weshalb es den afrikanischen Staaten auch nach 60 Jahren der Unabhängigkeit nicht gelingt, ihre Länder frei von Machtgier, Krieg und Korruption zu regieren und die Lebensbedingungen zu verbessern. Die Antwort darauf scheint schwierig und komplex zu sein, wie Wülser zu verstehen gab. «Ein Historiker aus Afrika erklärte mir einmal, dass in Europa vor 300 Jahren ähnliche Bedingungen vorherrschten und der westliche Wohlstand nicht vom Himmel gefallen sei.» Afrika sei nicht nur klimatisch benachteiligt sondern brauche auch Zeit sich zu entwickeln, hielt Wülser fest. Er ist, trotz allem, positiv gestimmt und glaubt an die Zukunft des schwarzen Kontinenten, die ganz in den Händen einer jungen, nachkommenden Bevölkerung liegt. A propro Jugend, was habe denn Moritz besonders gefallen während seiner Zeit in Afrika, wollte Della Santa abschliessend wissen. «Es ist eine ganz andere Welt, in der ich anderes gesehen und erlebt habe», antwortete der 11jährige Junge so simpel wie überzeugend.